Sprechen lernen beginnt nicht erst dann, wenn ein Kind anfängt Laute oder Wörter zu produzieren. Die Grundlagen der Sprachentwicklung werden bereits vor der Geburt gelegt. Beim Trinken des Fruchtwassers trainiert das Ungeborene die Muskeln zur Bildung von Sprachlauten. Ab etwa der zweiten Schwangerschaftshälfte ist es in der Lage akustische Reize wahrzunehmen. Kaum ist das Baby auf der Welt, erinnert es sich an den Schall, den es vor der Geburt im Mutterleib gehört hat und baut auf diesem Wissen auf. So können Neugeborene die sanfte Stimme ihrer Mama eindeutig von anderen Frauenstimmen unterscheiden, erkennen die Stimme des Vaters, der Geschwister und die bekannten Geräusche aus der Umgebung, die wiederum Vertrauen und Geborgenheit vermitteln. Forscher haben zudem herausgefunden, dass Säuglinge bereits im Alter von einem Monat zwischen den Lauten (z.B. zwischen „pa“ und „ba“)  unterscheiden können. Bei der Geburt ist das menschliche Ohr also bereits vollständig entwickelt. Und das Baby nutzt diese Anlagen maximal aus, indem es sich den Stimmen aktiv zu oder abwendet, Töne und Klänge interpretiert und den Klang der menschlichen Stimme imitiert. 

 

Das Gehirn eines Neugeborenen ist mit besonders günstigen Voraussetzungen

ausgestattet, um Sprachkompetenzen zu erwerben. Grundlagen der Sprachentwicklung,

wie die Wahrnehmung von Sprachlauten, werden bereits vor der Geburt gelegt.

 

Vom Schrei zum Lallen

Die erste Lautäußerung des Neugeborenen ist der Neugeborenenschrei. Und das Schreien bleibt für einige Monate das stärkste Ausdrucksmittel, mit dem sich das Kind „zu Wort meldet“. Zwischen dem 4. und 9. Lebensmonat wird das sogenannte „Lallstadium“ erreicht, in dem die Verdopplung von einfachen Silben (Lautketten wie „dada“ oder „mamama“) im Vordergrund steht. Anfangs kann man bei allen Säuglingen auf der Welt dieselben Laute hören und vermag nicht die Nationalität des Babys zu erkennen. Später passen sich die Babys dem Regelwerk der jeweiligen Umgebungssprache an, indem sie nur noch Laute ihrer Muttersprache produzieren und die Silben entsprechend betonen.



Sprachverständnis

Auch wenn Babys zuerst nicht verbal reagieren können, verstehen sie dreimal so viele Wörter als sie sprechen können! Das Sprachverständnis entwickelt sich zirka zwischen dem 9. und 12. Lebensmonat. Das Baby realisiert, dass Gegenstände und Personen einen Namen haben und speichert diese ab. Mit der Zeigegeste verdeutlicht es uns, dass es den Namen von etwas noch einmal hören möchte.



Wortschatz

Der Wortschatz jedes Kindes hängt vom jeweiligen Sprachangebot an das Kind ab. Bis zum ersten Lebensjahr bauen Kinder langsam ein kleines Lexikon von 50 Wörtern auf, in dem sie jede Woche drei bis fünf neue Wörter sprechen. Danach treten sie in den sogenannten "Wortschatzspurt". In dieser Entwicklungsphase lernen sie bis zu zehn neue Wörter täglich. Ein 24 Monate altes Kind verfügt bereits über ein passives Vokabular von ungefähr 300 Wörtern. Im Alter von drei Jahren sprechen Kinder bereits 500 Wörter aktiv.



Grammatik

Die Grammatikentwicklung kann in fünf Entwicklungsphasen aufgeteilt werden. Sie schreitet  kontinuierlich und langsam von Einwort- zu Zweiwortäußerungen („Milch haben, Papa weg“) im zweiten Lebensjahr voran, um sich dann im dritten Lebensjahr rasant über Mehrwortäußerungen („Ich kaufe Erdbeeren.“) zu komplexeren Sätzen („Du kannst schneller rennen, weil du größer bist.“) zu entfalten. Mit dem vierten Geburtstag ist der Grammatikerwerb weitestgehend abgeschlossen.



Rolle der Umgebung

Das Entwicklungspotenzial, über das Kinder beim Sprechenlernen verfügen, kann sich jedoch nur in einer guten Sprachumgebung entfalten. Es braucht ausreichend Kontakt und sowohl liebevolle als auch  aufmerksame Zuwendung durch Bezugspersonen, die dem Kind gute Sprachvorbilder und Kommunikationspartner sind. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass die zwischenmenschliche Interaktion in  den sogenannten sensiblen Phasen der kindlichen Entwicklung von besonderer Bedeutung für die Sprachentwicklung ist. Das heißt, dass eine Sprache in der frühen Kindheit viel leichter zu erlernen ist als später im Erwachsenenalter. Besonders wichtig ist der Zeitraum bis zum 24. Monat. Fehlen hier sprachliche Anreize, kann es zu Entwicklungsauffälligkeiten kommen, die später nur noch schwer zu beheben sind.

 

Die (sprachlichen) Umweltbedingungen, unter denen ein Kind aufwächst, sind enorm wichtig für das Sprechenlernen, denn das kindliche Gehirn ist darauf programmiert aus Interaktionen mit der Umwelt zu lernen. Eltern fungieren dabei als das wichtigste Sprachvorbild.



Sprachangebot

Das Sprachangebot in der sozialen Interaktion mit den Kindern ist also enorm wichtig! Aus zahlreichen Studien wissen wir längst: Je besser das Sprachangebot der Eltern, desto leichter wird das Kind die jeweilige Sprache erlernen und desto besser werden seine späteren Sprach - und Lesefähigkeiten sein. Spracherwerb kann nur im sozialen Kontext stattfinden, denn das Kind lernt am Modell. Bereits im ersten Lebensjahr beobachten Kleinkinder ihre Umgebung aktiv und beginnen zu imitieren. Es ist deshalb wichtig ab dem ersten Tag mit dem Baby zu reden, auch wenn es noch nicht antwortet, es nimmt das Sprachangebot auf und nutzt es für seine Sprachentwicklung! Im Dialog lernt das Kind schließlich neben sprachlichen Regeln auch die Regeln des alltäglichen Miteinanders. Biete deinem Kind deshalb die Möglichkeit, die Freude an sprachlicher Kommunikation tagtäglich zu erleben. Eine verlangsamte Sprechgeschwindigkeit, eine leicht erhöhte Sprechstimmlage, eine eindeutige Mimik und der Einsatz von Gestik unterstützen die Sprachentwicklung deines Kindes.



 

Liebevolle Gespräche ab dem ersten Lebenstag sind eine enorm wichtige Investition in die Zukunft jedes Babys.

Verfasst mit freundlicher Unterstützung von Patricia Pomnitz, Logopädin (B.Sc.), Therapiewissenschaftlerin (M.Sc.) und Expertin für Spracherwerb & Sprachförderung, Gründerin von Sprachgold.

Mehr über Meilensteine in der kindlichen Sprachentwicklung, findest du in diesem Blogbeitrag von Patricia.